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Lehre in der Radiologie„Nachhaltig ist das, was ich verstehe und anwende!“

30.06.2026Ausgabe 7/20267min. Lesedauer

Die Plattform LernRad (lernrad.com) bietet digitale Lehre rund um die Radiologie. Interaktive Kurse mit Videos, Falltrainings und Quizformaten richten sich an Studierende, Ärzte in Weiterbildung und Fachärzte. Auch bereitet LernRad gezielt auf die Facharztprüfung vor. Gründerin und geschäftsführende Gesellschafterin ist PD Dr. Bettina Baeßler, Fachärztin für Radiologie. In diesem Jahr gehörte sie – neben Prof. Dr. Saif Afat und PD  Dr. Daniel Pinto dos Santos (Interview siehe RWF Nr. 03/2026) – dem Präsidium des 107. Deutschen Röntgenkongresses an. Ursula Katthöfer (textwiese.com) fragte sie, was die moderne Lehre ausmacht.

Redaktion: Wie haben Sie die Lehre während Ihrer eigenen Ausbildung erlebt?

Dr. Baeßler: Die schlechte Lehre hat mich während des Studiums und der Weiterbildung schockiert. In einem Blockpraktikum hörte ich, dass „Studenten nur ein Klotz am Bein“ seien. Deshalb habe ich mir schon im Studium geschworen, es später anders zu machen.

Auch die Weiterbildung war kaum strukturiert, es galt das Prinzip: Mach Fehler und lerne daraus. Die Bereitschaft von Oberärzten, Wissen weiterzugeben, war nicht bei allen gleichermaßen groß. Was ich in Kursen oder bei Kongressen in Vorträgen gehört hatte, ließ sich anschließend meist nicht in die Praxis umsetzen, weil es schnell vergessen wurde.

Redaktion: Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, dass Sie heute die digitale Lehre machen, von der Sie in Ihrer Weiterbildung geträumt haben. Was für ein Traum war das?

Dr. Baeßler: Mein Traum war, Lernen nicht als passive Berieselung zu gestalten, sondern als etwas Aktives, das zu echtem Denken führt. Diesen Weg habe ich schon als junge Radiologin eingeschlagen, als ich die studentische Lehre an meiner Weiterbildungsstätte erneuert habe. Schon in dieser Zeit – weit vor LernRad – entstand mein Radiologie-Kanal auf Youtube (siehe youtube.com/c/bettinabaessler), damals mit der Idee, dass Studierende bundesweit besser Radiologie lernen können. 2019 wurde ich dafür für den Ars legendi Fakultätenpreis nominiert. Inzwischen wurde mein Engagement in der Lehre mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, wie etwa 2022 mit dem „Most effective radiology educator award“ von Auntminnie Europe. Nach und nach bin ich an den Universitäten jedoch an die Grenzen des Machbaren gestoßen, es fehlten finanzielle und technische Ressourcen. Inzwischen habe ich die Universitätsmedizin verlassen und arbeite gemeinsam mit PD Dr. Hanna Styczen, ebenfalls geschäftsführende Gesellschafterin bei LernRad, nach einem eigenen didaktischen Konzept, dem Active Learning Konzept.

Redaktion: Was verbirgt sich dahinter?

Dr. Baeßler: Wir kommen in der Regel immer mit einem Fall und simulieren in unserem Dicom-Viewer die klinische Routine. Wie in der Klinik gibt es mal gute, mal weniger gute klinische Angaben dazu. Es folgen in der Regel eine eigenständige, geführte Befundung und diverse unterschiedliche interaktive Formate. Daran schließt sich eine ausführliche Videoauflösung an.

Redaktion: Hätten Sie dazu ein Beispiel?

Dr. Baeßler: Bei unserem CME-zertifizierten „Expertcase“, einem neuen Format für Fachärzte, beziehen sich unsere Fälle meist auf aktuelle Entwicklungen, zuletzt zum Beispiel auf das Lungenkrebsscreening. Fachärzte, die an diesem Falltraining teilnehmen, sollen sich zuerst die Bilder ansehen. In einer ersten interaktiven Runde checken wir, was sie schon über den Fall wissen. War es beispielsweise ein Bronchialkarzinom, das von der KI und vom Befunder nicht gesehen wurde, können die Teilnehmenden sich selbst testen, ob sie das Karzinom erkannt hätten. Es hat einen Lerneffekt, wenn sie selbst etwas übersehen haben. Haben sie die Pathologie erkannt, ist das ein Erfolgserlebnis. Oft ist auch ein strukturiertes Befundtemplate samt ausführlicher Videoerklärung enthalten, das man direkt in seinen klinischen Alltag mitnehmen kann. Wir bringen immer auch die aktuellen Leitlinien ins Spiel, denn in der klinischen Routine fehlt oft die Zeit, diese im Blick zu behalten. Schließlich kommt auch hier das ausführliche Auflösungsvideo.

Redaktion: Warum ist dieses didaktische Konzept nachhaltiger als das Hören eines Vortrags?

Dr. Baeßler: Wir haben uns wissenschaftlich mit nachhaltigem Lernen auseinandergesetzt und arbeiten evidenzbasiert. Entscheidend ist, sich einen Fall aktiv selbst zu erarbeiten. Dabei setzen wir interaktive Formate so ein, dass sie den besten Lerneffekt haben. Gerade bei Studierenden nutzen wir beispielsweise gerne Quizformate, in denen man auf die Pathologie klicken soll, um zu testen, ob man sie erkennen kann. In der Anatomielehre arbeite ich gerne mit Drag-and- Drop-Formaten. Dabei haben die Studierenden ein Bild und sollen den anatomischen Strukturen die passenden Bezeichnungen zuordnen. Das Aktive hat einen viel nachhaltigeren Lerneffekt als sich ein Video anzusehen und anschließend fünf Multiple-Choice-Fragen zu beantworten. Nachhaltig ist nicht das, was ich auswendig lerne, sondern das, was ich verstehe und anwende.

Redaktion: Wie betrachten Sie Ihre eigene Rolle als Dozentin?

Dr. Baeßler: Wir bieten nur eine Hilfestellung, sind also der „Guide by the side“, nicht der „Sage on the stage“. Wir erklären wertschätzend und auf Augenhöhe. Dumme Fragen gibt es bei uns nicht. Zudem sprechen wir unterschiedliche Lerntypen über unterschiedliche Formate an: Mal interaktiv, mal als Video, mal als Bild- oder Textlektion. Bei vielen Themenbereichen erhalten die Teilnehmenden ein Befundtemplate oder eine Checkliste, damit sie in ihrer Praxis sofort wissen, was für die Untersuchung, aber auch für Patienten und Zuweiser relevant ist.

Redaktion: Sie gehörten in diesem Jahr dem Präsidium des Röntgenkongresses an. Welche Weiterbildungsthemen waren besonders nachgefragt und was übernehmen Sie in Ihr Programm?

Dr. Baeßler: In der Fortbildung war das Lungenkrebsscreening das dominierende Thema, es hat die Herz-CT ein wenig abgelöst. Letztere spielt natürlich immer noch eine Rolle, weil sie erst seit diesem Jahr Kassenleistung ist. Das war vor allem für Niedergelassene interessant. Ansonsten findet der Diskurs eher auf der Metaebene statt: Perspektiven der Weiterbildung, andere Karrierewege, berufliche Möglichkeiten außerhalb von Klinik und Praxis. Wir lassen uns bei LernRad gerne davon inspirieren.

Redaktion: Außerhalb von Klinik und Praxis bieten Sie auch für Unternehmen didaktische Konzepte an. Welche Arten von Unternehmen sind das?

Dr. Baeßler: Unternehmen aus Pharma, KI und Medizintechnik können auf uns zukommen. Sie treten als Sponsor für Kurse auf, in denen Radiologinnen und Radiologen CME-Punkte erwerben können. In unserem fünfstündigen Aria-Training (Amyloid-Related Imaging Abnormalities) lernen sie zum Beispiel, echte Aria-Fälle aus Zulassungsstudien zu diagnostizieren und die Veränderungen im Gehirn durch Antikörpertherapien zu erkennen. Wir bekommen bei all unseren Kursen dabei von der Ärztekammer die doppelte Punktzahl anerkannt, weil wir alle Qualitätskriterien E-Learning der Bundesärztekammer erfüllen.

Redaktion: Sie sind aus der universitären Forschung in die freie Wirtschaft gewechselt. Wie haben Sie sich auf die Position als Geschäftsführerin eines Unternehmens vorbereitet?

Dr. Baeßler: Ich habe es einfach gemacht. LernRad entstand 2021 während der Pandemie, die erste Plattform habe ich allein programmiert. Ich wollte einfach experimentieren. Das Unternehmerinnentum kam mit der Zeit. Wir haben keine Investoren, sondern finanzieren alles aus Eigenmitteln. Erlöse stecken wir sofort wieder ins Unternehmen. Zu Marketing und Unternehmertum habe ich viel gelesen. Das Schöne an diesem kleinen, agilen Unternehmen ist, vieles ausprobieren zu können. Obwohl ich als junge Radiologin die Vision hatte, Institutsdirektorin zu werden, möchte ich heute nie wieder zurück in die Abhängigkeiten der Universitätsmedizin.

Redaktion: Was sagt es über das Studium der Humanmedizin in Deutschland aus, wenn sich erst ein privatwirtschaftliches Institut gründen muss, um praxisnahe Kurse anzubieten?

Dr. Baeßler: Die Widerstände, die eigene Lehre zu hinterfragen, sind unglaublich groß. Für viele Dozierende ist die Lehre vor allem ein notwendiges Übel, um habilitieren zu können. Die Wenigsten empfinden sie als erfüllend. Das spüren die Studierenden. Die Gründe liegen im System: Der Fokus liegt nicht auf der Lehre, sondern auf der klinischen Versorgung. Die Lehre kommt immer on top, muss schnell zwischen mehreren Befunden zusammengeschustert werden. Sie wird nicht geschätzt. Warum sollte man dann Energie reinstecken?

Redaktion: Wie kann es gelingen, Ihre Erfahrungen und Ansätze in das Studium der Humanmedizin zurückzuführen?

Dr. Baeßler: Wenn die Universitäten dafür offen sind, würde ich nichts lieber tun, als mit ihnen zu kooperieren. Doch habe ich bereits die Erfahrung gemacht, dass bestehende Strukturen sich nur sehr schwer ändern lassen – trotz eines Chefarztes an der Uniklinik Köln, der mir viele Freiheiten ließ.

Heute versuche ich es mit einer anderen Strategie, indem ich das Thema von hinten angehe: Wenn die Weiterbildungsassistenten heute mit LernRad erfahren, wie Lehre sein kann, können sie unser didaktisches Konzept des Active Learning später selbst umsetzen. Der Nachwuchs kann unsere Haltung weitertragen. Das wäre zumindest ein wunderbares Ergebnis unserer Arbeit.

Vielen Dank!

Weiterführende Hinweise

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