Interventionelle Radiologie„Wir müssen den Zugang zur IR bereits zu Beginn der Weiterbildungszeit ermöglichen!“
Derzeit sind zwei Drittel der Studienanfänger im Fach Humanmedizin Frauen, so die KBV. Der Anteil der Ärztinnen steigt pro Jahr um ein Prozent. 2022 knackten die Frauen zum ersten Mal den Anteil von 50 Prozent in der Ärzte- und Psychotherapeutenschaft, 2024 machten sie 52,4 Prozent aus. In der Radiologie liegt ihr Anteil hingegen noch bei 36,7 Prozent. Die Lenkungsgruppe „Nachwuchsförderung und Frauen in der interventionellen Radiologie (IR)“ der Deutschen Gesellschaft für Interventionelle Radiologie und minimal-invasive Therapie (DeGIR) spricht von einem „noch weitgehend ungenutzten, weiblichen Talentpool“. Prof. Dr. med. Wibke Uller leitet die Lenkungsgruppe. Sie ist zudem Leiterin und Lehrstuhlinhaberin der Interventionellen Radiologie (IR) des Universitätsklinikums Freiburg. Ursula Katthöfer (textwiese.com) sprach mit ihr über Talentförderung.
Redaktion: Wie kommt es, dass es junge Medizinerinnen eher in andere Fächer zieht als in die IR?
Prof. Uller: Das Faszinierende und zugleich Herausfordernde an der IR sind die komplexen Fälle. Für mich ist das Zusammenspiel von theoretischem Wissen und Feinmotorik sagenhaft. Manchmal reicht es dabei nicht, nur einen Plan A und einen Plan B zu haben. Auch ein Plan C kann erforderlich sein, schnelles Reagieren ist gefragt. Denn zum Fach gehören durchaus stressige Notfallsituationen, in denen wir die letzten sind, die einem Patienten noch helfen können. Vermutlich suchen nicht alle jungen Medizinerinnen diese Herausforderung. Zudem ist es ein Fach, das mit ionisierender Strahlung arbeitet. Wir können uns diesbezüglich gut schützen, tragen aber bei Interventionen Bleischürzen. Dieser Umstand und die Unwissenheit über die möglichen Schutzmaßnahmen könnten abschrecken.
Redaktion: Was tut die Lenkungsgruppe dagegen?
Prof. Uller: Sie fördert den Nachwuchs, indem sie für das Fach der IR sensibilisiert. Die Lenkungsgruppe macht schon während des Studiums und zu Beginn der Weiterbildungszeit darauf aufmerksam und klärt beispielsweise über ionisierende Strahlen auf. Früher war es sehr verbreitet, erst am Ende der Facharztausbildung in unser Fach rotieren zu dürfen. Da steuern wir gegen. Wichtig ist ein leichterer und schnellerer Zugang von der Radiologie in die IR schon zu Beginn der Weiterbildungszeit. Wir müssen besser erkennen, wer sich dafür interessiert und diesen jungen Menschen die Chance geben, frühzeitig in der Interventionelle Radiologie einzusteigen.
Redaktion: Mit Ihrer Nachwuchsinitiative „IR needs you!“ bieten Sie dem Nachwuchs an, als Referent oder Referentin bei Veranstaltungen aufzutreten. Was ist an einem Vortrag so attraktiv?
Prof. Uller: Hinter jedem Vortrag steckt viel mehr als der reine Vortrag. Zunächst einmal sind wir in unseren Kliniken dazu angehalten, effizient zu arbeiten. Möglich ist, dass der Arbeitgeber die Anreise zu einem Kongress nicht gestattet, wenn die Teilnahme nur passiv ist. Die Einladung zu einem Vortrag ist hingegen ein Türöffner zur Konferenz und damit zu vielen Kontakten. Wer einen Vortrag hält, lernt andere Vortragende und Moderierende kennen, kann dem Auditorium sein Forschungsgebiet und schließlich sich selbst präsentieren. Im Optimalfall folgen Einladungen zu Referentenveranstaltungen, die jungen Ärztinnen und Ärzten Orientierung geben können, wohin sie sich weiterentwickeln möchten. So kommt das Vernetzen automatisch zum Vortrag hinzu.
Redaktion: Wie wohlwollend nimmt das Auditorium junge Vortragende auf?
Prof. Uller: Sie bringen frischen Wind in die Kongresse und beleben althergebrachte Strukturen. Allerdings gibt es Hürden. Bei industriegesponserten Vorträgen ist der Frauenanteil sehr gering. Da diese Vorträge meist eine lukrative Nebentätigkeit sind, wirkt sich dieser Umstand auf den ungleichen Verdienst von Männern und Frauen aus. Auch ist es nicht immer einfach, die Gelegenheit zum Vortrag zu bekommen. Ich erinnere mich, dass ich mich als junge Fachärztin bemühte, für einen Vortrag vorgeschlagen zu werden. Damals erhielt ich zur Antwort, dass ich ja mal mit einem Vorsitz beginnen könne. Da reiche es, gut auszusehen. Damals habe ich beschlossen, mich selbst um meine Karriere zu kümmern. Heute bin ich glücklicherweise in der Position, junge Kolleginnen und Kollegen unterstützen zu können, damit ihnen solche Antworten erspart bleiben.
Redaktion: Offenbar ist die Förderung junger Radiologinnen bereits erfolgreich. Beim Herbsttreffen des Bündnisses Junge Ärzte 2025 vertraten nur junge Frauen das Forum Junge Radiologie und die Junge IR. Wo bleiben die jungen Männer?
Prof. Uller: Das große weibliche Engagement im Bündnis Junge Ärzte ist ein sehr interessanter Aspekt. Denn sowohl das Forum Junge Radiologie – übrigens mit einer Vorsitzenden und einem Vorsitzenden an der Spitze – als auch die Junge IR heißen beide Geschlechter willkommen. Möglicherweise nutzen junge Männer andere Hebel, um ihre Karrierechancen zu verbessern. Männliche Kollegen sind auch in der Nachwuchsförderung unterrepräsentiert. Daher mein Appell an die Radiologen, sich stärker in die Nachwuchsförderung einzubringen. Möglicherweise sind Frauen dort eher vertreten, weil sie am eigenen Leib erfahren haben, wie schwierig es ist, die gläserne Decke zu durchbrechen. Dass sich gerade Frauen aktuell stark engagieren und sichtbar sind, kann auch weitere Frauen motivieren, sich für unser Fach zu interessieren, um in Zukunft eine ausgeglichene Geschlechterrate zu erreichen.
Redaktion: Andererseits sind zwei Drittel der Studierenden der Humanmedizin Frauen. Muss die Medizin sich bald überlegen, junge Ärzte zu fördern?
Prof. Uller: Objektiv betrachtet sind die Personen in Leitungspositionen, seien es Ordinarien, Chefarzt- oder Oberarztpositionen, vorwiegend männlich. Insofern mache ich mir um die Medizinerinnen mehr Sorgen als um die Mediziner. Frauen kommen auf ihren Karrierewegen irgendwo abhanden. Die Lenkungsgruppe hat die Probleme untersucht, mit denen Geschlechter sich arrangieren müssen. Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten sind Themen, für die wir mehr sensibilisieren wollen. Denn wir brauchen die IR. Die Nachfrage steigt und wird in Zukunft weiter zunehmen.
Redaktion: Wie werden die jungen Interventionellen Radiologinnen das Fach verändern?
Prof. Uller: Das Arbeiten in gemischten Teams ist effizienter und ausgeglichener. Auch unsere Patientinnen und Patienten kommen als gemischtes Team. Deshalb ist es ihnen gegenüber unsere Pflicht, in der Ärzteschaft auf einen Mix zu achten.
Redaktion: Die Lenkungsgruppe informiert auch zu Schwangerschaft und IR. Was erlaubt das Mutterschutzgesetz (MuSchuG)?
Prof. Dr. Uller: Eine schwangere Frau darf in der IR weiterarbeiten, auch mit ionisierender Strahlung am Patienten. Voraussetzung ist, dass die Dosis gemessen sowie regelmäßig dokumentiert wird und dass Schwellenwerte nicht überschritten werden. In Freiburg nutzen wir zusätzliche Strahlenschutzmittel wie eine mobile Bleiwand, die individuell eingesetzt werden kann. Es gilt immer das ALARA-Prinzip: So viel Dosis wie nötig, so wenig Dosis wie möglich.
Redaktion: Und was lässt das MuSchuG nicht zu?
Prof. Uller: Es verbietet Prozeduren mit offenen radioaktiven Substanzen, die Arbeit an infektiösen Patienten z. B. mit HIV oder Hepatitis C, Nachtdienste und schwere physische Tätigkeiten wie das Umlagern von Personen. Das ist der Rahmen, der auch für die Chirurgie gilt. Unsere Lenkungsgruppe hat zur beruflichen pränatalen Strahlenexposition ein Positionspapier veröffentlicht. Das möchte ich nicht nur schwangeren Ärztinnen sowie Ärztinnen mit Kinderwunsch, sondern auch allen Führungskräften in der Radiologie und der IR sehr ans Herz legen. Frauen, die während ihrer Schwangerschaft weiterarbeiten möchten, sollte das ermöglicht werden. Leider kommt es immer noch vor, dass ihnen die Arbeit verwehrt wird.
Redaktion: Gerade in der ersten Schwangerschaft nehmen sich junge Frauen manchmal zu viel vor. Wie können Sie als Führungskraft sie davor bewahren, sich und ihrem Kind zu schaden?
Prof. Uller: Um auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen und die Botschaften zwischen den Zeilen zu hören, sind persönliche Gespräche notwendig. Und zwar regelmäßig, während der gesamten Schwangerschaft. Es kann sich schnell etwas ändern. Gleichzeitig müssen wir eine andere Perspektive einnehmen. Es geht nicht nur darum, eine schwangere Frau zu schützen, sondern auch darum, sie zu unterstützen. Verlässt sie die IR für Schwangerschaft, Mutterschutz und Elternzeit, ist das für konkurrierende Ärztinnen und Ärzte ein optimales Karriereszenario. Deshalb ist es wichtig zu erfahren, ob eine schwangere Frau zurücktreten oder ihre Karriere weiterverfolgen möchte. Egal, wie sie sich entscheidet: Sie muss respektiert und unterstützt werden – in jede Richtung.
Vielen Dank!
- Zum Webauftritt der Lenkungsgruppe „Nachwuchsförderung und Frauen in der Interventionellen Radiologie“
- Dewald C. et al.: Exploring gender roles in German interventional radiology – how progressive are we? Rofo; 2024 Dec 4;197(7): 814–828. doi.org/10.1055/a-2427-0303
- Becker, L. et al.: Berufliche pränatale Strahlenexposition und Berufssicherheit: Positionspapier für schwangeres und stillendes Personal bei interventionellen Verfahren mit ionisierender Strahlung; Rofo; 2025 Mar 27; doi.org/10.1055/a-2536-7206
- Blum, S. F. U. et al.: The status of academic interventional radiologists in Germany with focus on gender disparity: how can we do better?. CVIR Endovasc 7, 47 (2024). doi.org/10.1186/s42155-024-00456-4
(ID:50660118)
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