Ausbildung„Nur wer im PJ aktiv mitarbeiten kann, begeistert sich für die Radiologie!“
Die Deutsche Röntgengesellschaft (DRG) würdigt mit dem Eugenie-und-Felix-Wachsmann-Innovationspreis herausragende Projekte in Lehre, Fortbildung und technologischer Weiterentwicklung. Ausgezeichnet wurden in 2025 u. a. die angehende Fachärztin für Radiologie Dr. med. Emily Hoffmann und die Fachärztin für Radiologie PD Dr. med. Judith Herrmann. Zusammen entwickelten sie die Videoreihe „Fit fürs Radiologie-PJ“. Dr. Hoffmann ist Assistenzärztin an der Klinik für Radiologie des Universitätsklinikums Münster (UKM) und zudem Mitglied des Vorstands der AG Methodik und Forschung der DRG. Ursula Katthöfer (textwiese.com) fragte sie, was der radiologische Nachwuchs sich für das praktische Jahr (PJ) wünscht.
Redaktion: Mit welchen Vorstellungen gehen angehende Radiologinnen und Radiologen in ihr PJ?
Dr. Hoffmann: Da die Radiologie im Curriculum der Humanmedizin nicht so intensiv wie andere Fächer behandelt wird, haben viele Studierende nur eine recht rudimentäre Vorstellung des Arbeitsalltags. Es herrscht immer noch das Vorurteil, dass Radiologen keinen Patientenkontakt haben und im stillen Kämmerchen sitzen, um zu befunden. Erst im Berufsalltag erleben Studierende, dass wir in der Interventionellen Radiologie therapieren oder bei Tumorboards eine wichtige Stimme haben.
Redaktion: Wer entscheidet sich denn für ein PJ in der Radiologie?
Dr. Hoffmann: Etwa die eine Hälfte möchte das Berufsbild kennenlernen, um später in die radiologische Facharztausbildung zu gehen. Die andere Hälfte strebt in andere Fachrichtungen wie die Innere Medizin, möchte aber z. B. selbst eine Thoraxaufnahme befunden können. Diese Studierenden haben erkannt, dass die Radiologie in Kliniken eine zentrale Rolle spielt und möchten ihre Kenntnisse für die interdisziplinäre Zusammenarbeit nutzen.
Redaktion: Sprechen wir über die Videos. Wer hatte die Ideen dazu, wer übernahm die Redaktion?
Dr. Hoffmann: Themenauswahl und Regie lagen bei Judith Herrmann und mir. Wir hatten beide festgestellt, dass Studierende während des Studiums zu wenig über die Radiologie erfahren – ich aus der Perspektive der Studentin, sie aus der Perspektive der Ärztin, die Studierende im PJ betreut. Die Geschäftsstelle der DRG hat uns beim Schnitt der Videos sehr unterstützt.
Redaktion: Was möchten Sie mit den Videos erreichen?
Dr. Hoffmann: Wir möchten einen niederschwelligen Einstieg in die Radiologie schaffen und Basiswissen an die Hand geben, damit Studierende im PJ aktiv mitarbeiten können. Selbst zu befunden, macht viel mehr Spaß als neben einem Radiologen zu sitzen, der Befunde diktiert. Nur wer selbst aktiv wird, kann sich für die Radiologie begeistern.
Redaktion: Durch die Videos führen Professoren, Privatdozenten und Oberärzte. Spitzenreiter bei den Abrufzahlen ist das 27-minütige Video „How to: Abdomen CT“ mit über 2.858 Abrufen in 12 Monaten. Wie ist es aufgebaut?
Dr. Hoffmann: Das Abdomen CT-Video ist so erfolgreich, weil es so praxisnah ist. Es beginnt mit der Frage, woran man erkennt, dass es sich um ein CT handelt und in welcher klinischen Situation diese Untersuchung relevant ist. Dann geht es Schritt für Schritt durch die Befundung. Referentin Dr. Isabel Molwitz zeigt z. B. wichtige Strukturen der Leber und des Darms und prüft zum Ende, ob es Pathologien gibt.
Die anderen Videos sind ähnlich aufgebaut. Die Referenten zeigen mit einem Pointer, worüber sie sprechen und geben gebündelte Informationen, auch zu Fallstricken.
Redaktion: Schön auch der Abkürzungsdschungel im Video zur Interventionellen Radiologie (IR). Wieso verdient das Thema ein eigenes Video?
Dr. Hoffmann: Studierende lernen die vielen radiologischen Abkürzungen während ihres Studiums kaum kennen. Katheter, Drähte, Interventionstechniken – die vielen Kürzel sind wie eine unverständliche Sprache. Für Studierende ist es frustrierend, wenn alle sich wie selbstverständlich in dieser Sprache unterhalten, sie aber kaum etwas verstehen. Abkürzungen zu lernen, ist fast wie ein Vokabeltraining. Wer die Sprache beherrscht, kann auch die Gespräche in den Tumorkonferenzen verstehen.
Redaktion: Ein zweites IR-Video heißt „Mein erster Tag in der Angio“.
Dr. Hoffmann: Darin stellen die beiden Oberärzte Prof. Dr. Max Masthoff und PD Dr. Michael Köhler die Angiografie-Anlage des UKM vor. Sie zeigen, wie man sich steril anzieht und erklären die Grundlagen zu den Geräten und Materialien. Sie erläutern auch, wo Studierende sich während einer Angiografie am besten hinstellen, um dem Strahlenschutz zu genügen und gleichzeitig möglichst viel zu sehen. Denn es nützt ja nichts, nur auf den Rücken des Interventionalisten zu gucken. So nimmt das Video all denjenigen, die noch nie in der Angio waren, die Hemmungen.
Redaktion: Aber ist es nicht eigentlich Aufgabe der Radiologen in den Kliniken, dieses Wissen an PJ-ler zu vermitteln?
Dr. Hoffmann: Das ist auf jeden Fall ihre Aufgabe. Die Videoreihe soll die klinische Lehre keinesfalls ersetzen, sondern sie ergänzen. Sie unterstützt Studierende darin, gezielt Fragen zu stellen und schneller zu den praktischen und spannenden Aufgaben zu kommen. Doch sehr viel Wissen können wir in den Videos nicht abbilden, etwa zu praktischen Fertigkeiten, der Zusammenarbeit im Team oder dem Umgang mit Patienten. Das kann man nur in der Klinik lernen.
Redaktion: Haben Kliniken einen wirtschaftlichen Vorteil, wenn PJ-ler sich mit Ihren Videos vorbereiten?
Dr. Hoffmann: Wenn Studierende bereits Basiswissen mitbringen, können sie Assistenzärzte entlasten, indem sie bei der Befundung unterstützen. Sie können z. B. die Röntgenthoraxbefundung übernehmen und selbstständig eine Ultraschalluntersuchung vornehmen. Selbstverständlich muss anschließend alles mit einem Oberarzt besprochen werden. In der IR können Studierende assistieren. Wer im PJ gut eingearbeitet ist, kann vieles leisten. Davon profitieren beide Seiten – Klinik und Studierende.
Redaktion: Sie haben sehr viel Zeit und Energie in die Videoreihe investiert. Wie ist der Zuspruch bei den Studierenden?
Dr. Hoffmann: Sehr hoch. Wir hatten im ersten Jahr etwa 7.000 Aufrufe. Viele zeigen sich dankbar, andere wünschen sich Videos zu weiteren Themen. Das motiviert uns sehr. Leider können wir anhand der Youtube-Statistiken nicht sehen, an welchen Fakultäten unser Publikum studiert. Möglicherweise sind wir noch nicht an allen Fakultäten bekannt. Daher arbeiten wir jetzt daran, dass alle Universitätskliniken ihren Studierenden die Chance geben, unsere Videos zu sehen. Einige verlinken sie auf ihrer Homepage bereits unter „Lehre“.
Redaktion: Eine Chefärztin der Radiologie sagte mir kürzlich, die Studierenden bekämen so viele Informationen perfekt serviert, dass sie es verlernten, sich in ein Thema hineinzuarbeiten. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Dr. Hoffmann: Grundsätzlich kann ich diese Sorge verstehen. Aber unsere Videos sollen ja ein Ansporn sein, eigenständig zu arbeiten, mitzudenken und Fragen zu stellen. Sie erleichtern den Start ins PJ. Es bleibt Aufgabe der Studierenden, sich aktiv einzusetzen und Wissen zu erwerben, das weit über die Videos hinausgeht.
Redaktion: Was könnten Chef- und Oberärzte tun, damit PJ-ler sich in Kliniken wohlfühlen?
Dr. Hoffmann: Studierenden hilft am meisten, wenn sie das Gefühl haben, zum Team zu gehören. Dazu gehört eine wertschätzende Begrüßung durch die Klinikdirektion. Zwischen einem Chefarzt oder einer Chefärztin und einem Studierenden im PJ liegen viele Hierarchiestufen. Dennoch sollte es kein großer Aufwand sein, dass Führungskräfte am ersten Tag Hallo sagen. Das ist für Studierende sehr motivierend. Auch gehören zu einer guten Lehre feste Ansprechpersonen für Studierende. Das kann ein Oberarzt oder ein Assistenzarzt sein. Ich habe es am UKM zudem als sehr positiv empfunden, mit meinem Namen angesprochen zu werden. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Redaktion: Gibt es etwas, das Vorgesetzte möglichst sein lassen sollten?
Dr. Hoffmann: Ich sehe Tätigkeiten, die keinen direkten Lerneffekt haben, kritisch. Wer ins PJ geht, ist kein Mädchen für alles. Wichtig sind Aufgaben, die für die berufliche und persönliche Weiterentwicklung relevant sind.
- Die Youtube-Videoreihe ist bei der DRG verlinkt, siehe iww.de/s14843
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