Notfallradiologie „Gut auf Notfälle vorbereitet zu sein, ist das A und O“
In Notfällen kann das Leben eines Patienten vom radiologischen Befund abhängen. Je frühzeitiger die Diagnose, desto höher die Überlebenschancen. Zusätzlich zu Unfall, Herzinfarkt oder Schlaganfall können Notfälle unerwartet in Zusammenhang mit der radiologischen Untersuchung auftreten – in der Klinik und in der Niederlassung. PD Dr. med. Katharina Müller-Peltzer ist geschäftsführende Oberärztin an der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Freiburg. Sie leitet dort die Sektion Notfalldiagnostik. Ursula Katthöfer (textwiese.com) fragte sie, was die Notfallradiologie auszeichnet.
Redaktion: Sie verantworten als geschäftsführende Oberärztin Weiterbildung und Lehre. Notfallradiologie ist aber keine Fachbezeichnung, die eine offizielle Zusatzausbildung wie in der Neuro- oder Kinderradiologie erfordert. Wie qualifizieren Sie den Nachwuchs der Notfallradiologie?
Dr. Müller-Peltzer: Das beginnt mit der Rotation während der fachärztlichen Weiterbildung. Die Station im Notfallzentrum ist Voraussetzung für die Dienstreife. Mit dieser gezielten Weiterbildung können wir das spezialisierte Wissen um die Notfallradiologie aufbauen, z. B. pathophysiologische Zusammenhänge erarbeiten oder OP-Techniken vermitteln. Erst danach gehen die jungen Kolleginnen und Kollegen in die Dienste. Hinzu kommen sowohl interne Fortbildungen sowie Vorträge zu Notfällen bei großen Kongressen wie dem European Congress of Radiology und dem Deutschen Röntgenkongress. Gleichgesinnte treffen sich auch auf europäischer Ebene in der European Society of Emergency Radiology. Klinikintern etablieren wir Fellowships in verschiedenen Bereichen. Das ist eine großartige Zwischenstufe, um angehende Fachärzte zu trainieren und sie gezielt Fälle bestimmte Bereiche der Radiologie befunden zu lassen.
Redaktion: Wie gut muss ein Radiologe oder eine Radiologin in der Notfallradiologie andere medizinische Fächer beherrschen?
Dr. Müller-Peltzer: Je breiter eine Klinik aufgestellt ist, desto mehr müssen wir uns mit den Fächern der Zuweiser beschäftigen. Wir brauchen kein Detailwissen, doch müssen wir eine Übersicht haben und uns für neue Therapieoptionen oder OP-Techniken anderer Fachdisziplinen interessieren. Durch persönlichen Austausch zu lernen, hilft dabei sehr gut, denn viele Informationen sind für uns nicht gut zugänglich. Sobald eine neue Fragestellung reinkommt, können wir uns erkundigen und vorbereiten. Das betrifft alle Fächer. Das nötige Fachwissen zu den anderen Fächern muss sich dann auch nach der Spezialisierung der Klinik richten.
Redaktion: Welche persönlichen Eigenschaften muss jemand in der Notfallradiologie mitbringen, um gut mit dem Zeitdruck und der Verantwortung für die Patienten umgehen zu können?
Dr. Müller-Peltzer: Zuallererst ist Kommunikationsfähigkeit wichtig. In der Notfallradiologie arbeiten wir mit vielen anderen Disziplinen zusammen. Wir müssen bereit sein, die Standpunkte der anderen anzuhören und uns in ihre Positionen hineinzuversetzen. Was ist ihr Anliegen? Welchen Zugang hatten sie bereits zum Patienten? Bei jungen Menschen in der ärztlichen Weiterbildung ist es manchmal sehr schön zu beobachten, wie gut sich ihr Kommunikationsbewusstsein entwickelt – nicht nur fachintern, sondern auch interdisziplinär und interprofessionell. Je länger ein Team zusammenarbeitet, desto besser die Kommunikation. Denn alle wissen, wie die anderen kommunizieren.
Redaktion: Welche Eigenschaften braucht es noch?
Dr. Müller-Peltzer: Empathie, Neugier, Interesse, Belastbarkeit und eine strukturierte Arbeitsweise, um unter Druck arbeiten zu können und sich vom Chaos drumherum nicht ablenken zu lassen. Eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit ist auch nötig. Manchmal muss man Ruhe ins Team bringen, manchmal muss eine gemeinsame Diagnostik- und Therapieentscheidung vorangetrieben werden. Ich würde sagen, dass wir in der Notfallradiologie schon alle vom gleichen Schlag sind.
Redaktion: Zusätzlich zu Patienten, die als Notfall eingeliefert werden, gibt es Zufallsbefunde. Bei welchen Anzeichen werden Sie bei der Bildbefundung aufmerksam, weil sich ein Notfall abzeichnen könnte?
Dr. Müller-Peltzer: Ich unterscheide zwei Kategorien: Zum einen gibt es Befunde wie beispielsweise eine Lungenarterienembolie, die bei einer Verlaufskontrolle nach einer Tumorerkrankung zufällig entdeckt wird und klar als Notfall ersichtlich ist. Zum anderen kann sich ein Notfall abzeichnen, weil zum Beispiel Metastasen eine Frakturgefährdung oder Kompression von Risikostrukturen verursachen. Es gibt einige Szenarien, für die eine Dokumentation im Befund nicht ausreicht. In Abhängigkeit von Schweregrad und Symptomatik verweisen wir die Patienten direkt an unser Notfallzentrum oder fragen sie, wann ihr nächster Termin bei dem behandelnden Kollegen ist.
Redaktion: Notfälle können auch durch die Radiologie verursacht werden, z. B. durch eine, zwar sehr selten auftretende, aber dennoch mögliche akute Kontrastmittelreaktion. Welche Symptome sind dabei zu beachten?
Dr. Müller-Peltzer: Die Reaktionen können sehr unterschiedlich sein. Juckreiz, Urtikaria und Rötungen sind gut bekannt, doch sind nicht alle Symptome so eindeutig. Es können bei schweren Reaktionen auch Erbrechen oder eine ungewollte Defäkation auftreten. Rhinorrhoe und Heiserkeit können Zeichen für eine Beteiligung der Atemwege sein. Auch kann der Patient verwirrt oder schläfrig werden.
Redaktion: Kliniken sind auf einen Atem- oder Kreislaufstillstand jederzeit vorbereitet. Aber wie gut wird in Niederlassungen reagiert?
Dr. Müller-Peltzer: In der Klinik können wir Situationen wie diese hausintern eskalieren. Es ist sehr beruhigend zu wissen, dass der hausinterne Notruf sehr schnell mit vor Ort ist. Aus den Niederlassungen wird berichtet, dass es viel Anspannung verursacht, manchmal sieben oder zehn Minuten bis zur Ankunft des Rettungsteams zu überbrücken. Deshalb ist es das A und O, gut auf Notfälle vorbereitet zu sein. Aus diesem Gedanken heraus hatte ich vor drei Jahren – damals noch als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft (AG) Notfallradiologie in der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) – die Idee, einen Reanimationskurs anzubieten. Es freut mich sehr, dass ich den Kurs mit der DRG umsetzen und ins Programm des Röntgenkongresses (Röko) integrieren konnte. Der Kurs findet in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Es geht um den Basic Life Support von Erwachsenen bis zum Kleinkind sowie um die medikamentöse Therapie möglicher allergischer Reaktionen nach Kontrastmittelgabe. Der Kurs wird sehr gut angenommen, die Rückmeldungen sind durchweg positiv.
Redaktion: Gibt es weitere Notfälle, die während der Untersuchung unerwartet auftreten können, etwa durch Magnetfelder im MRT?
Dr. Müller-Peltzer: Magnetische Objekte stellen eine Gefahr dar. Unsere MTR sind wahnsinnig aufmerksam und befragen alle, die den MRT-Untersuchungsraum betreten. Unsere Mitarbeitenden erhalten eine Sicherheitsunterweisung, zum Beispiel zu speziellen, MR-fähigen Feuerlöschern. Auch die externen Rettungskräfte sind geschult. Dennoch kann es passieren, dass Patienten mehrmals glaubhaft versichern, keine Metalle an sich zu haben und dennoch sehen wir Artefakte zu Beginn der Untersuchung und müssen erneut gezielt nachfragen und reevaluieren, ob die Untersuchung sicher ist. Um für Notfallsituationen gewappnet zu sein, zählt daher immer eine gute Vorbereitung.
- Informationen über die AG Notfallradiologie in der DRG online unter ag-notfall.drg.de
- Videofolge zum Thema „Notfälle in der Radiologie“ der Reihe „Fit fürs Radiologie-PJ“ mit Referentin Dr. med.Müller-Peltzer bei Youtube (rd. 16 Min.)
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