Minimal-invasive Schmerztherapie„Radiologie sichert maximale Zielgenauigkeit bei möglichst kleiner Intervention!“
Chronische Schmerzen werden häufig über lange Zeit medikamentös oder physiotherapeutisch behandelt. Die interventionelle Radiologie ergänzt dieses Spektrum um bildgesteuerte, minimal-invasive Verfahren, die gezielt an Nerven, Gelenken, Knochen oder tumorbedingten Schmerzursachen ansetzen. Die Deutsche Gesellschaft für Interventionelle Radiologie und minimal-invasive Therapie (DeGIR) hat 2026 die neue Qualifikation „DeGIR-Spezialist:in für minimal-invasive Schmerztherapie“ eingeführt. Prof. Dr. med. Marco Das ist Chefarzt der Diagnostischen und Interventionellen Radiologie an der Helios St. Johannes Klinik Duisburg und wissenschaftlicher Co-Leiter des DeGIR-Live-Webinars für „minimal-invasive Schmerztherapie“ (weitere Informationen bei der DeGIR). Ursula Katthöfer (textwiese.com) fragte ihn nach Möglichkeiten, Grenzen und Perspektiven der interventionellen Schmerztherapie.
Redaktion: Die minimal-invasive Schmerztherapie richtet sich an sehr unterschiedliche Patientengruppen. Welches Verfahren spielt in der ambulanten Radiologie eine besonders große Rolle?
Prof. Das: Ein Klassiker ist die periradikuläre Therapie, kurz PRT. Sie kommt vor allem bei radikulären Beschwerden zum Einsatz, etwa bei einem Bandscheibenvorfall oder einer foraminalen Stenose. Unter CT-Kontrolle platzieren wir die Nadel millimetergenau an der betroffenen Nervenwurzel und applizieren dort ein Lokalanästhetikum, je nach Indikation kombiniert mit einem Kortikosteroid. Der entscheidende Punkt ist: Wir behandeln nicht unspezifisch „Rückenschmerz“, sondern eine klinisch und bildgebend passende Nervenwurzelreizung.
Redaktion: Ein wachsendes Feld sind chronische Gelenkschmerzen. Was kann die interventionelle Radiologie hier anbieten?
Prof. Das: Besonders dynamisch entwickelt sich die Gelenkarterienembolisation, am besten untersucht am Knie. Dabei embolisieren wir nicht das Gelenk selbst und auch keine Nerven. Ziel sind pathologisch vermehrte, schmerzassoziierte Gefäße in entzündlich veränderter Synovia und im periartikulären Gewebe. Über einen sehr kleinen Katheter werden diese Gefäße selektiv embolisiert. Für geeignete Patienten mit persistierenden Arthroseschmerzen trotz konservativer Therapie kann das eine zusätzliche Option sein – insbesondere wenn eine Operation noch nicht gewünscht oder nicht sinnvoll ist.
Wichtig ist aber die wissenschaftliche Einordnung: Viele Kohorten zeigen relevante Schmerzreduktionen. Das ist vielversprechend, aber Patientenselektion und weitere hochwertige Evidenz bleiben entscheidend.
Redaktion: Kann man diese Verfahren auch an anderen Gelenken einsetzen?
Prof. Das: Prinzipiell ja, die Evidenz ist aber je nach Gelenk sehr unterschiedlich. Das Knie ist derzeit mit Abstand am besten untersucht. Für Schulter, Ellenbogen oder andere Gelenke gibt es interessante Ansätze und kleinere Studien, aber noch keine vergleichbare Datenbasis.
Redaktion: Welche Rolle spielen minimal-invasive Verfahren bei osteoporotischen Frakturen?
Prof. Das: Hier geht es um Stabilisierung und Schmerzreduktion. Bei schmerzhaften osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen können Vertebro- oder Kyphoplastie in ausgewählten Fällen sinnvoll sein. Bei sakralen Insuffizienzfrakturen ist die Sakroplastie ein verwandtes Konzept: Knochenzement wird bildgesteuert in die Frakturzone eingebracht, um Mikrobewegungen zu reduzieren und Schmerzen zu lindern. Das ersetzt nicht pauschal eine operative Stabilisierung. Entscheidend sind Frakturmorphologie, neurologische Situation, Instabilität und das interdisziplinäre Behandlungskonzept.
Redaktion: Eine weitere wichtige Patientengruppe sind Tumorpatienten. Welche Möglichkeiten bestehen dort?
Prof. Das: Gerade bei tumorbedingten Schmerzen kann die interventionelle Radiologie sehr viel bewirken. Tumorgewebe oder schmerzleitende Strukturen lassen sich beispielsweise mittels Kryoablation gezielt mit Kälte behandeln. Andere thermische Verfahren arbeiten mit Radiofrequenz oder Mikrowelle. Zusätzlich gibt es gezielte Nerven- und Plexusblockaden beziehungsweise chemische Neurolysen, etwa am Plexus coeliacus bei ausgewählten Patienten mit Oberbauchtumoren.
Das Ziel ist häufig palliativ, aber hochrelevant: weniger Schmerz, weniger Analgetikabedarf und mehr Lebensqualität. Bei ossären Metastasen können Ablation und Zementaugmentation je nach Situation auch kombiniert werden.
Redaktion: Was ist der besondere Vorteil der interventionellen Radiologie, um Schmerzen zu lindern?
Prof. Das: Unser entscheidender Vorteil ist die Bildsteuerung. Wir sehen die Zielstruktur und den Zugangsweg – und können die Therapie exakt dorthin bringen, wo sie wirken soll. CT, Durchleuchtung, Angiografie oder Ultraschall sind dabei keine Diagnostik „nebenbei“, sondern das Navigationssystem der Behandlung. Das reduziert unnötige Gewebetraumatisierung und ermöglicht Eingriffe über Zugänge von wenigen Millimetern. Kurz gesagt: maximale Zielgenauigkeit bei möglichst kleiner Intervention.
Redaktion: Wo liegen die Vorteile gegenüber einer rein konservativen Behandlung?
Prof. Das: Ich würde nicht von einem Gegeneinander sprechen. Gute interventionelle Schmerztherapie ersetzt ein sinnvolles konservatives Konzept nicht – sie erweitert es. Eine PRT sollte beispielsweise bei entsprechender Indikation mit Bewegung, Physiotherapie und gegebenenfalls medikamentöser Therapie verzahnt sein. Andere Verfahren kommen dann ins Spiel, wenn konservative Strategien ausgeschöpft sind oder Medikamente wegen Nebenwirkungen an Grenzen stoßen. Der Mehrwert liegt darin, einen definierten Schmerzgenerator gezielt zu behandeln, statt die Therapie systemisch immer weiter zu eskalieren.
Redaktion: Gibt es Risiken und Nebenwirkungen?
Prof. Das: Ja – minimal-invasiv bedeutet nicht risikofrei, aber sehr risikoarm. Das Risikoprofil hängt stark vom jeweiligen Verfahren und von der anatomischen Region ab. Bei CT-gesteuerten Injektionen sind unter anderem Blutung, Infektion, allergische Reaktionen auf Kontrastmittel sowie selten Nerven- oder Gefäßverletzungen zu berücksichtigen. Bei Embolisationen kommen Gefäßzugangsprobleme und eine unbeabsichtigte Embolisation nicht gewünschter Gewebe hinzu. Bei Ablationen sind thermische oder kryogene Schäden benachbarter Strukturen möglich. Gerade deshalb sind Bildsteuerung, sorgfältige Indikationsstellung, standardisierte Technik und Erfahrung so wichtig. Bei korrekter Durchführung ist das Komplikationsrisiko insgesamt niedrig, aber es gehört transparent in die Aufklärung.
Redaktion: Was vermitteln Sie im DeGIR-Webinar?
Prof. Das: Wir wollen die Schmerztherapie aus der Ecke einzelner „Spritzenverfahren“ herausholen und als strukturiertes interventionell-radiologisches Arbeitsfeld vermitteln. Dazu gehören Anatomie, Indikationsstellung, Bildführung, Technik, Materialkunde, Komplikationsmanagement und die sinnvolle Einordnung in multimodale Behandlungskonzepte. Das Webinar deckt die theoretischen Inhalte ab, die für die neue DeGIR-Qualifikation relevant sind. Die Zertifizierung selbst setzt darüber hinaus definierte praktische und formale Voraussetzungen voraus.
Redaktion: Welche Voraussetzungen müssen Radiologinnen und Radiologen für die Zertifizierung erfüllen?
Prof. Das: Neben der Facharztanerkennung für Radiologie und der Mitgliedschaft in DRG und DeGIR gehört unter anderem eine DeGIR-Stufe-1-Zertifizierung dazu. Zentral ist außerdem der Nachweis von mindestens 100 selbstständig durchgeführten interventionell-radiologischen schmerztherapeutischen Eingriffen innerhalb der letzten 60 Monate vor Antragstellung. Die Zertifizierung macht deutlich: Entscheidend ist nicht nur theoretisches Wissen, sondern dokumentierte praktische Erfahrung.
Redaktion: Welche technischen Voraussetzungen braucht eine Praxis oder Klinik?
Prof. Das: Das hängt vom Leistungsspektrum ab. Für viele perkutane Verfahren ist eine geeignete CT- oder Durchleuchtungssteuerung ausreichend. Wer Gelenkarterienembolisationen anbietet, benötigt eine moderne Angiografie mit entsprechender Mikrokathetertechnik. Für Thermo- oder Kryoablationen kommen die jeweiligen Ablationssysteme hinzu. Mindestens ebenso wichtig wie die Geräte sind aber standardisierte Prozesse: Patientenselektion, Aufklärung, Gerinnungsmanagement, Monitoring, Notfallkonzept und dokumentierte Qualitätssicherung.
Redaktion: Was ist für die Abrechnung relevant?
Prof. Das: Hier muss man sehr differenzieren. Bei etablierten Verfahren wie der CT-gesteuerten PRT gibt es eine Abbildung im EBM, allerdings unter klar definierten Voraussetzungen. Bei neuen Verfahren wie der Gelenkarterienembolisation ist die Situation komplexer: Hier fehlt bislang eine spezifische regelhafte EBM-Abbildung für die Behandlung der Arthroseschmerzen. Genau deshalb sind weitere hochwertige Studien und gesundheitsökonomische Daten wichtig, wenn wir solche Verfahren perspektivisch in die Regelversorgung bringen wollen. Medizinische Innovation und Regelvergütung laufen eben nicht immer im gleichen Tempo. Umso wichtiger sind saubere Evidenz, Registerdaten und nachvollziehbare Qualitätsstandards.
Redaktion: Welche Chancen bietet die minimal-invasive Schmerztherapie für die ambulante Versorgung?
Prof. Das: Sehr große – wenn sie qualitätsgesichert aufgebaut wird. Viele Patienten suchen heute eine Therapie zwischen „noch mehr Medikamente“ und „großer Operation“. Genau dort kann die interventionelle Radiologie eine Lücke schließen: gezielt, bildgesteuert und häufig mit kurzer Erholungszeit. Für Praxen und Kliniken entsteht daraus ein attraktives Versorgungsfeld. Entscheidend sind medizinische Indikation, Transparenz über die Evidenz und nachweisbare Expertise. Qualität ist hier das eigentliche Geschäftsmodell.
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